Aus der Feder des genialen Designers Pio Manzù stammte ein originelles Projekt für ein öffentliches Verkehrsmittel auf Abruf. Ein Auto voll mit auf Sicherheit und Funktionalität ausgerichteten technologischen Innovationen.
1968 war das entscheidende Jahr der Gewerkschafts- und Studentenbewegung: Die Euphorie der Nachkriegsjahre hatte viel von ihrem Schwung verloren, und Arbeiter und Studenten äußerten häufig ihren Unmut auf den Straßen der Städte. Auf ebendiesen Straßen verkehren heute noch immer viele Taxis, die nach den Plänen des genialen Fiat 600 Multipla gebaut wurden, der 1956 von Dante Giacosa kreiert wurde und sich zusammen mit seinem Vorgänger, dem sehr populären Fiat 600, weiterentwickelt hat.
Ab 1964 flankierte das in Turin ansässige Unternehmen den 600, der noch bis 1969 produziert wurde, mit seiner natürliche Weiterentwicklung: dem Fiat 850. Das mechanische Layout mit Motor und Hinterradantrieb blieb gleich, aber Leistung und Hubraum der 4 Zylinder nahmen zu und die Linien wurden quadratischer und moderner, während das Interieur an Breite und Ausführungsqualität gewann. Die steigende Nachfrage nach Transportmöglichkeiten veranlasste die Unternehmensleitung dazu, die auf den Markt gebrachte 850-Limousine um ein Nutzfahrzeug zu ergänzen: so entstand der 850T. Neben dem Transporter wurde auch eine Version mit Fenstern für den Personentransport produziert: Trotz der völlig anderen Karosserie spiegelte der Name 850 Familiare die mechanische Ableitung von der Limousine, so wie es auch beim 600 Multipla der Fall war.
In jenen Jahren fragten sich die Konstrukteure von Fiat, ob es möglich sei, eine Version des 850 zu schaffen, die ausdrücklich dem öffentlichen Nahverkehr gewidmet sei und die den inzwischen veralteten 600 Multipla ersetzen könne. Es handelte sich also nicht um die bloße Ausstattung eines bestehenden Fahrzeugs, sondern um ein Auto, das von Anfang an für den Einsatz als Taxi konzipiert war. Damals waren Privatwagen-Projekte das Terrain, auf dem die Inspiration der großen italienischen Karosseriebauer zum Ausdruck kam, aber in diesem Fall wurde die Aufgabe direkt dem Centro Stile Fiat anvertraut, das zum ersten Mal die externe Zusammenarbeit mit einem der kreativsten Designer der damaligen Zeit aufnahm, und zwar mit Pio Manzù, dem Sohn des großen Bildhauers Giacomo Manzù.
So entstand ein Auto, das am 30. Oktober 1968 bei der 50. Ausgabe des Turiner Autosalons debütierte. Der ehrgeizige Prototyp steckte so voller Innovationen, dass man ihn als ein echtes „Concept Car” bezeichnen kann.
Das Projekt ging von der Verwendung der Mechanik des Fiat 850 aus: die 1966 auf dem Genfer Autosalon vorgestellte „Idromatic”-Version zeichnete sich durch das Vorhandensein eines Drehmomentwandlers rund um die hydraulische Kupplung aus, was das Fahren in der Stadt erleichtert. Es handelte sich nicht um ein Automatikgetriebe, sondern um ein System, das das Kupplungspedal überflüssig machte und die vier Gänge des 850 Super unverändert ließ. Die damals verwendete Bezeichnung lautete „Kraftübertragung”, und das Typenschild auf der Motorhaube trug die Aufschrift „Idroconvert”, die inzwischen die frühere, bei der Markteinführung benutzte Bezeichnung ersetzt hatte.
Das Fiat City Taxi blieb im Prototypenstadium, aber genau wie die innovativsten Konzeptfahrzeuge wurde es zu einer Quelle genialer Ideen, die dann in der Serienproduktion auf verschiedene Modelle übertragen wurden.
Seine Abmessungen waren kompakt, aber die Räume wurden maximal ausgenutzt, um sowohl die Agilität beim Einsatz in der Stadt zu fördern als auch das Ein- und Aussteigen der Passagiere zu erleichtern. Die zweiteilige Form, mit reduzierten Überhängen, hatte eher straffe Linien und einer kurze, schräge Fronthaube sowie große Glasflächen, die es den Passagieren ermöglichen, das City-Panorama in vollen Zügen zu genießen, und ebenfalls ein höher als normal situiertes Cockpit, um den Komfort zu verbessern. Seine orange Farbe sollte es als öffentliches Verkehrsmittel leichter erkennbar machen in einer Zeit, als Taxis noch grün-schwarz lackiert waren.
Statt durch seine Höhe bestach der 850 City Taxi durch seine Asymmetrien: Auf der linken Seite befand sich eine konventionelle Tür, die nur vom Fahrer benutzt wurde, während die Fahrgäste auf der rechten Seite durch eine lange, elektrisch betriebene Schiebetür in den Wagen einstiegen - originell und innovativ. Die unterschiedlichen Türgrößen wirkten sich auch auf die unterschiedlichen Größen der ersten beiden Seitenfenster aus.
Die zwei Scheibenwischer waren besonders lang, weil sie eine viel höhere Windschutzscheibe als normal reinigen mussten: der auf der Fahrerseite - in der Konfiguration „Pantograph” - war mit zwei Armen gelenkig gelagert und blieb in Ruhestellung vertikal, wie auch bei diversen Fahrzeugen jener Epoche; der andere Wischer war ziemlich unkonventionell, weil er einen Bogen von innen nach außen beschrieb, im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Fiat-Windschutzscheiben.
Die hintere Rückbank bot Platz für drei Passagiere: Sollte es in Ausnahmefällen notwendig sein, für kurze Strecken einen vierten Passagier unterzubringen, gab es neben dem Fahrer einen zusätzlichen Klappsitz. Doch normalerweise blieb dieser verstaut, und der Raum rechts neben dem Fahrer war für Gepäck bestimmt, das mit einem speziellen Gurt gesichert wurde. Weitere Gepäckstücke konnten in dem Raum hinter der Rückbank, über dem Motor, platziert werden. Der Zugang zu diesem letzten Abteil war auch von außen durch eine große Glastür leicht möglich.
Die Besonderheiten setzten sich ebenfalls im Innenraum fort: Das Fiat City Taxi zeichnete sich durch ein futuristisches, mit verformbarem Material gepolstertes Armaturenbrett aus, in das die Instrumententafel, der Taxameter, integriert war - eine Innovation, auch heute noch! - ebenso wie der Bildschirm eines kleinen Fernsehers. Darüber hinaus konnte der Fahrer über ein Funktelefon, dessen Mikrofon in die Sonnenblende integriert war, direkt mit dem Taxiunternehmen kommunizieren.
Fiat hatte 15 neue Patente für den 850 City Taxi angemeldet. Der auf dem Automobilsalon in Turin vorgestellte Prototyp befand sich noch im Versuchsstadium, aber viele seiner innovativen Lösungen, die lange Zeit vom Centro Stile Fiat getestet wurden, wurden später in Serienfahrzeugen eingesetzt. Die Linien, insbesondere die der hinteren Motorhaube, waren auch im Kleinwagen Fiat 126 von 1972 vorhanden, der zuerst den glorreichen Fiat 500 flankierte und ihn dann ersetzte.
Sehr wichtig waren die sicherheitstechnischen Innovationen, die später zum Standard in Serienfahrzeugen wurden: wie z.B. die Lenksäule mit Gelenken zum Schutz des Fahrers bei einem Frontalaufprall, das mit verformbarem Material gepolsterte Armaturenbrett und die Gepäckbefestigung per Gurt. Aber auch das Funktelefon-Kommunikationssystem, zu dem ein Mikrofon in der Sonnenblende gehörte, war ein Vorläufer der heutigen Freisprechanlagen für Mobiltelefone. Ebenfalls kann der in der Mitte des Armaturenbretts positionierte Fernseher als Vorläufer der Bildschirme moderner Infotainment-Systeme angesehen werden. Einige funktionelle Lösungen wurden Jahre später wiederbelebt, wie etwa die Glas-Heckklappe bei Fließheck-Limousinen oder die Kartentasche im Dach, die noch heute in Fahrzeugen vom Typ „Van” zu finden ist.
Als Hommage an seinen innovativen Sicherheitsansatz wird der futuristische Prototyp aus der Feder von Manzù im Themenbereich „Small and Safe” des Heritage HUB, dem Mehrzweckraum von FCA Heritage in Turin, ausgestellt.